Kunst und Raum im Film

Vortrags- und Filmreihe in Kooperation mit dem Institut für Europäische Kunstgeschichte und dem Romanischen Seminar der Universität Heidelberg im Sommersemester 2025.
unterstützt durch das SFB-Teilprojekt C04 „Visuelle Chiffren von Heimat in Bildender Kunst, Literatur und Film“
Die Veranstaltungen finden jeweils mittwochs um 19:30 Uhr im Gloria-Kino statt.
Tickets: 10 € regulär, 8 € ermäßigt, 7 € für Studierende (ggf. Überlängenzuschlag)
Konzeption und Organisation: Elisabeth Bohnet, Henry Keazor, Alexandra Vinzenz und Daniel Winkler
Folgt man der Filmtheorie, sind Filme aus unterschiedlichen Räumen konstruiert: Der „Bildraum“ etwa beschreibt die Raumverhältnisse in einer einzelnen Einstellung. Den „Architekturraum“ bildet das arrangierte Ensemble von Landschaft, Gebäuden und Objekten. Der „Filmraum“ bezeichnet den imaginären Raum, den das Publikum mit Hilfe aller vom Film angebotenen Einzelteile in der Vorstellung zusammensetzt. Dieser „szenische Raum“ wird wiederum aus unterschiedlichen Bezugsgrößen geformt: aus den einzelnen Einstellungen, der Montage und dem Ton. Manche Filme bilden darüber hinaus symbolische Raummodelle aus, indem beispielsweise dem Innen ein Außen gegenübergestellt wird, oder einzelnen Räumen besondere Bedeutungen und Regeln auferlegt, oder psychische Veränderungen der Figuren symbolisiert werden. Wie der Filmwissenschaftler Hans Jürgen Wulff zudem betont, korreliert die Raumdarstellung dabei insbesondere mit Strategien der Subjektivierung.
Mit solchen Raummodellen befasst sich die Filmreihe und konzentriert sich auf Wohnräume: In allen vier Beispielen fungiert das Interieur als ‚narrativer Protagonist‛. Dabei sind die Produktionsländer – USA, Großbritannien, Frankreich und Schweiz – ebenso vielfältig gewählt wie die Genres. Ganz klar: Horror und Thriller sind die zwei Kategorien, in denen das eigene oder fremde Wohnhaus am häufigsten dominant auftritt. Es wundert also nicht, dass die Reihe mit Alfred Hitchcocks legendärem Thriller Das Fenster zum Hof (1954) einsteigt. Das Geisterhaus ist nicht nur ein Klassiker im Bereich der Literatur: Jack Clayton nutzt in The Innocents (1961) ein extrem breites Bildformat, um den Blick durch die Räume wandern zu lassen, sei es aus Perspektive des Filmpersonals oder (imaginierter?) Geister selbst. Im Drama Vortex (2021) erzählen die Wände vom vergangenen Leben eines Ehepaares, das sich als Resultat einer Demenzerkrankung immer weiter voneinander entfernt. Zum Abschluss dreht sich auch thematisch alles um den architektonischen Raum. Mit E.1027 – Eileen Gray und das Haus am Meer (2024) beweist die Regisseurin Beatrice Minger auf visueller Ebene, welche Wirkkraft vom Interieur ausgeht – auch auf das Publikum vor der Leinwand.
Filme und Termine der Reihe:
DAS FENSTER ZUM HOF (engl. OmU)
Termin: 14.05., 19:30 Uhr
Gespräch mit Sabrina Vogelbacher
USA 1954 | Regie: Alfred Hitchcock | 109 Min.
Nach einem Unfall ist der Sensationsfotograf Jeffries an den Rollstuhl gefesselt. Neben den gelegentlichen Besuchen seiner Verlobten bleibt ihm nur der Blick aus dem Fenster in einen Hinterhof als alltägliche Beschäftigung. Aus den – natürlich indiskreten – Einblicken in die Fenster der gegenüberliegenden Wohnungen ergeben sich Geschichten. Ein Mann komponiert ein Musikstück, ein Paar verlebt Flitterwochen. Ein anderer Mann beginnt, sich seltsam zu verhalten. Langsam kommt in dem zur Untätigkeit verurteilten Beobachter ein Verdacht auf. Ein Mord könnte geschehen sein […] Mit einer einzigen Szene als Ausnahme bleibt die Kamera bei James Stewart. […] Ein sehr spannender, dramaturgisch ausgefeilter Film ohne Schockeffekte. Einer der stilistisch klarsten und originellsten Filme Hitchcocks voller atemloser Spannung, weil der Zuschauer bald merkt, dass die Situation Jeffries der seinen gleicht. (filmdienst.de)
THE INNOCENTS (engl. OmU)
Termin: 04.06., 19:30 Uhr
Gespräch mit Sascha Rothbart
UK 1961 | Regie: Jack Clayton | 96 Min.
Eine junge Gouvernante widmet sich der Erziehung zweier äußerlich wohlerzogener Waisenkinder in einem entlegenen Landhaus. Bald entdeckt sie seltsame Verhaltensweisen der Kinder und beobachtet rätselhafte Erscheinungen. Immer mehr schenkt sie alten Geschichten Glauben, nach denen ein ehemaliger Verwalter und eine frühere Betreuerin der Kinder als böse Mächte von den Kindern Besitz ergriffen haben. Intelligenter, mit subtilen Mitteln inszenierter Thriller, der alptraumhaft die morbide Atmosphäre der Vorlage von Henry James beschwört und virtuos die Schwebe zwischen übersinnlicher Gespenstergeschichte und Wahnwelt einer überspannten jungen Frau hält. Herausragend die Leistung der Hauptdarstellerin Deborah Kerr. (filmdienst.de)
VORTEX (franz. OmU)
Termin: 18.06., 19:30 Uhr
Gespräch mit Sascha Rothbart
F 2021 | Regie: Gaspar Noé | 142 Min.
Ein altes Ehepaar, er Filmjournalist, sie Psychoanalytikerin, lebt seit Jahrzehnten zusammen in einer Pariser Altbauwohnung. Nach vielen gemeinsam erlebten Jahren lässt das Gedächtnis der Frau rapide nach, sodass sie den Alltag kaum noch meistern kann, während ihr Mann noch aktiver im Leben steht. Angesichts ihres unterschiedlichen Zustands werden sie mit der Erkenntnis konfrontiert, für sich allein sterben zu müssen. Eine intime, behutsame Studie des altersbedingten Verfalls und der Gewissheit über die Unausweichlichkeit des Todes, die durch die detaillierte Abbildung des Alltags eine große Nähe erzeugt. Indem der Film weitgehend mit Splitscreen arbeitet, macht er die Vereinzelung der Hauptfiguren plastisch greifbar. (filmdienst.de)
E.1027 - Eileen Gray und das Haus am Meer (OmU)
Termin: 09.07., 19:30 Uhr
Gespräch mit Elisabeth Bohnet
CH 2024 | Regie: Beatrice Minger | 89 Min.
Im Jahr 1929 baute die irische Designerin Eileen Gray zusammen mit dem Architekturredakteur Jean Badovici ein Refugium an der Côte d’Azur. Das „E. 1027“ genannte Haus ist ein avantgardistisches Meisterwerk. Einige Jahre später malte der Architekt Le Corbusier ohne Grays Zustimmung großflächige Fresken auf die weißen Wände und veröffentlichte Fotos davon, was für die Architektin einen Akt des Vandalismus darstellte. Der feministisch perspektivierte Film begibt sich in Form von Reenactments auf eine Reise in die Gedankenwelt der Künstlerin und hebt dabei auch auf gegensätzliche Ideen von Wohnen und Raum ab. [...] Sie deutete den Raum an erster Stelle über seine taktilen Beziehungen zum Körper: „Das Haus ist … eine Hülle, die einen sanft umgibt, vor der Umwelt schützt. Das Haus ist auch unsere Verlängerung, unsere spirituelle Erweiterung, unsere Befreiung. Das Haus ist ein Körper.“ (filmdienst.de)
„Eine atemberaubend schöne und filmische Dokufiktion.” CPH:DOX